Abschlussveranstaltung zur Aufarbeitung der Heimerziehung am 08.02.2017

Bilanz der Aufarbeitung der „Heimerziehung im Saarland 1949 bis 1975“

Nach zwei Jahren intensiver und erfolgreicher Arbeit konnte das wissenschaftliche Begleitprojekt zur Aufarbeitung der „Heimerziehung im Saarland 1949 bis 1975“ am 08.02.2017 mit einer gemeinsamen Abschlussveranstaltung im Beisein von Sozialministerin Monika Bachmann beendet werden. Die Ministerin dankte den Betroffenen für „ihren Mut und ihre Offenheit, sich durch ihre Berichte zum Alltag in den Heimen der eigenen Vergangenheit nochmals zu stellen und sie als Teil ihrer ganz persönlichen Lebensgeschichte zu akzeptieren.“ Gleichzeitig zollte sie ihnen Respekt und Anerkennung dafür, “dass sie trotz und gerade wegen ihres ganz persönlichen Schicksals in ihrem Leben vieles geschafft und erreicht haben und sich durch ihre unersetzliche und wertvolle Mitarbeit an der Aufarbeitung in besonderem Maße verdient gemacht haben.“

Das Sozialministerium hatte im Jahr 2014 die Universität Koblenz Landau unter Leitung von Prof. Christian Schrapper mit der wissenschaftlichen Begleitung beauftragt. Im Zuge der Aufarbeitung wurde ein Runder Tisch „Heimerziehung im Saarland 1949 bis 1975“ einberufen. Insgesamt achtmal trafen sich ehemalige Heimkinder als Betroffene, Vertreterinnen und Vertreter früherer und heutiger Heimträger, die Vorsitzende Sabine Schmitt gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern des ad-hoc-Ausschusses des Landesjugendhilfeausschusses, Delegierten der kommunalen Ebene und des Sozialministeriums, um aus den oft schmerzhaften Erfahrungen von Heimkindern in der Vergangenheit Lehren und Konsequenzen für die Zukunft zu ziehen. Es galt zu erkennen, welche Auswirkungen eine „Heim-Erfahrung“ für das weitere Leben haben kann und sicherzustellen, dass die Erfahrungen von Hilflosigkeit, Unterdrückung und des Ausgeliefertseins sich in der heutigen Heimerziehung möglichst nicht mehr wiederholen können.

Die öffentliche Jugendhilfe war Teil der damaligen Verantwortungskette und das Landesjugendamt in dem angesprochenen Zeitraum selbst Träger einer Heimeinrichtung. Das Unrecht kann nicht ungeschehen gemacht werden – gleichwohl ist dieses Aufarbeitungsprojekt ein wichtiger Schritt, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen.

Rund 150 Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Gesellschaft, Lehre und Fachöffentlichkeit sowie viele Betroffene nahmen an der Veranstaltung teil. Ute Gessner als Betroffene eröffnete mit ihrem Gesicht „Schuldig“ die Veranstaltung (UteGessner_Gedicht_Schuldig).

Rednerinnen und Redner waren

  • Ministerin Monika Bachmann als Ministerin, in deren Verantwortungsbereich der unter Minister a. D. Andreas Storm begonnene Aufarbeitungsprozess für das Saarland organisiert und begleitet wurde (Grußwort_MinisterinBachmann_2017-02-08),
  • Professor Dr. Christian Schrapper als Projektverantwortlichem der Universität Koblenz-Landau sowie
  • Sabine Schmitt in ihrer Funktion als Vorsitzende des ad-hoc-Ausschuss „Heimerziehung 1949 – 1975 im Saarland“ des Landesjugendhilfeausschusses (Grußwort_SabineSchmitt 080217),

die die Heimgeschichte im Saarland in den 50er und 60er Jahren aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchteten.

Besonders eindrücklich war der Bericht von Lieselotte Luther und Richard Baton über ihre persönlichen Erfahrungen und Erwartungen in Bezug auf die Nachhaltigkeit der Aufarbeitung.

Im Anschluss nutzten viele Besucher noch die Gelegenheit zum persönlichen Austausch.

Beitrag des Landesjugendhilfeausschusses zur Aufarbeitung der Heimerziehung

Mit der Bildung eines ad-hoc-Ausschusses „Heimerziehung 1949 – 1975“ hat der Landesjugendhilfeausschuss im Saarland Ende 2013 insbesondere den betroffenen ehemaligen Heimkindern ein Forum für den Austausch, für eine überindividuelle Aufarbeitung und zur Begleitung des „Runden Tisches“ im Rahmen des Forschungsprojektes der Universität Koblenz-Landau geboten. In der wissenschaftlichen Arbeit von Prof. Schrapper stehen folgerichtig die Betroffenen, z. B. durch zahlreiche biografisch-erzählende Interviews, im Mittelpunkt der Dokumentation. Betroffene ehemalige Heimkinder haben in der Abschlussveranstaltung des Forschungsprojektes ein Statement abgegeben und mit Unterstützung der Anlauf- und Beratungsstelle an einem Studientag der Fachrichtung Soziale Arbeit an der Hochschule für Wirtschaft und Technik aktiv mitgewirkt. Die Partizipation ehemaliger Heimkinder war somit im Saarland zentraler konzeptioneller Bestandteil des Aufarbeitungsprozesses.

 

Beratungs- und Unterstützungsangebote nach 2018

Die Anerkennung des Unrechts und Leids der ehemaligen Heimkinder sowie die damit verbundene Aufarbeitung der Geschichte der Heimerziehung ist mit Auslaufen des Heimfonds Ende 2018 nicht beendet.

Viele Betroffene, möglicherweise auch ihre Angehörigen, haben hier weiterhin Informations- und Beratungsbedarf und suchen den Austausch untereinander .

Mit KISS, der Kontakt-und Informationsstelle für Selbsthilfe in Saarbrücken, gibt es im Saarland bereits eine übergreifende Beratungsstruktur, die auch von ehemaligen Heimkindern genutzt werden kann.

Sie erreichen diese unter der Telefonnummer: 06 81 / 96 02 13 0 oder der E-Mail-Adresse: kontakt@selbsthilfe-saar.de

Homepage: https://www.selbsthilfe-saar.de/was-wir-tun/

Lesung

Lesung  am 24. September um 18 Uhr im Rathaus St. Johann

im Rahmen der Wanderausstellung Verwahrlost und gefährdet?

 

Die Regionale Anlauf-und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder im Saarland im Ministerium für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie-Saarländisches Landesjugendamt zeigt in Kooperation mit der Landeshauptstadt Saarbrücken die Wanderausstellung „Verwahrlost und gefährdet?“ des Landesarchives Baden-Württemberg.

Im Rahmen des Begleitprogramms zur Wanderausstellung findet am Montag, dem 24. September 2018, um 18:00 Uhr im Festsaal des Rathauses Saarbrücken St. Johann eine Lesung statt, bei der Betroffene Passagen aus dem Buch „Lebenswege nach Heimerziehung. Porträts und Einblicke aus dem Saarland 1945-1975“ der Autoren Christian Schrapper, Claudia Ströder und Sabine Imeri lesen werden. Der Eintritt ist frei.